Zwischen Renditefantasien, Rekordpreisen und echter Leidenschaft: Was treibt den Kunstmarkt heute wirklich an? Kurz vor der diesjährigen Art Basel erklärt die Schweizer Kunsthistorikerin und Kunstberaterin Simone Töllner im Interview mit WealthSummit, wie sich kommerzielle Interessen und der gesellschaftliche Anspruch der Kunst zueinander verhalten – und welche Trends die Szene derzeit prägen.

Kunsthistorikerin und Kuratorin Simone Töllner (Bild: Christian Vogt)
Frau Töllner, die Art Basel gilt längst nicht mehr nur als Kunstmesse, sondern als hochkommerzielles Ereignis. Ist Kunst heute vor allem eine Anlagemöglichkeit, oder gibt es weiterhin echte Sammlerinnen und Sammler mit genuinem Interesse an künstlerischer Qualität?
Beide Realitäten existieren nebeneinander, und diese Spannung macht den Markt aus. Wer den Markt nur als Anlageklasse liest, übersieht etwas Wesentliches. Die Zahlen sprechen gegen die reine Investmentlogik.
Warum?
Der globale Kunstmarkt ist 2024 um 12 Prozent auf 57,5 Milliarden Dollar geschrumpft und hat sich 2025 mit +4 Prozent auf knapp 60 Milliarden Dollar nur leicht erholt. Eine Anlageklasse, die zwei Jahre in Folge an Wert verliert, zieht keine reinen Renditejäger an. Wer heute kauft, tut dies aus Überzeugung.
Was ich in der Zusammenarbeit mit meinen Sammlerinnen und Sammlern erlebe, bestätigt das. Sie sind Herzenssammler. Sie wollen nicht nur das Werk, sie suchen eine persönliche Beziehung zur Künstlerin oder zum Künstler und zum Werk selbst, unabhängig vom Preis.
Für sie zählen die emotionale Bindung, oft auch die Frage, wohin ein Werk kommt und in welchem Umfeld es weiterlebt. Viele meiner Sammler leben buchstäblich mit der Kunst. Das ist das Gegenteil von Spekulation.
Bemerkenswert ist, dass die Zahl der Transaktionen trotz sinkender Werte gewachsen ist. Es wird nicht weniger gesammelt, sondern bewusster und in tieferen Preissegmenten.
Welche Rolle spielt der künstlerische Anspruch heute noch auf Messen? Geht es primär um Markt, Sichtbarkeit und Prestige, oder auch um relevante ästhetische und gesellschaftliche Positionen?
Es wäre keine Messe, wenn sie nicht kommerziell ausgerichtet wäre, da muss man ehrlich sein. Kunstschaffende wollen und müssen leben, die Galerien brauchen ihre Kunstschaffenden, und die Messe bietet beiden die Plattform. Das ist kein Widerspruch zum Anspruch, sondern die Voraussetzung dafür, dass Kunst sichtbar wird.
Der Anspruch ist da, man muss nur hinschauen. Wir haben Sektoren wie die Statements, die aufstrebenden Positionen gewidmet sind. Wir haben die Unlimited, in diesem Jahr kuratiert von Ruba Katrib vom MoMA PS1, die immer wieder bewusst Zeichen setzt. Und wir haben die vielen Nebenmessen mit jungen Kunstschaffenden. Die Liste zeigt 2026 mit 106 Galerien aus 36 Ländern ihre bisher grösste Ausgabe und gilt seit 1996 als Sprungbrett für junge Galerien.
Die Volta geht in ihre 21. Ausgabe und führt mit dem sogenannten 5’000er Edit eine kuratierte Auswahl von Werken zu Preisen bis 5’000 Franken. Dieses Segment spricht ein jüngeres Publikum an und zeigt oft zum ersten Mal Kunstschaffende, die sonst keine Sichtbarkeit hätten.
In diesem Zusammenspiel zeigt sich der Wert der Art Week. Der Markt finanziert die Bühne, und auf dieser Bühne entsteht Raum für Positionen, die mehr wollen als verkaufen.

«Wer den Markt nur als Anlageklasse liest, übersieht etwas Wesentliches», findet Simone Töllner (Bild: Christian Vogt)
Wo sehen Sie derzeit die spannendsten Entwicklungen in der zeitgenössischen Kunst, inhaltlich, aber auch geografisch?
Mir fällt auf, dass heute Kunst von indigenen Völkern und von «self-taught artists», also autodidaktischen Kunstschaffenden, endlich die Aufmerksamkeit erhält, die ihr lange verwehrt blieb. Eine überfällige Korrektur.
Stark im Kommen ist die afrikanische Kunst. Die Auktionsverkäufe afrikanischer Kunstschaffender sind 2025 um 43 Prozent auf 70 Millionen Dollar gestiegen, und Künstlerinnen machen dort einen Grossteil der Verkäufe aus. Die Verschiebung vollzieht sich also nicht nur geografisch, sondern auch in der Geschlechterfrage.
Ich bin seit Jahren ein Fan der zeitgenössischen Kunst aus Südostasien, dazu zähle ich die indische zeitgenössische Kunst sowie Positionen aus Korea, Vietnam oder Malaysia. Diese Regionen bringen eine eigene Bildsprache und eine Tiefe mit, die sich nicht an westlichen Vorbildern abarbeitet, sondern aus eigenen Traditionen schöpft.
Dass 2026 zwei der spannendsten Biennalen in Asien stattfinden, in Gwangju und in Bangkok, ist kein Zufall, sondern ein Zeichen, wohin sich das Zentrum der künstlerischen Energie verlagert. Dazu kommt die wachsende Bedeutung der Golf-Region, sichtbar daran, dass die Art Basel 2026 erstmals in Doha präsent war. Das Spannendste an diesem Moment ist, dass die Kunstwelt mehrstimmiger wird.
Die Art Basel hat ihr Modell internationalisiert, mit Messen in Hongkong, Miami Beach, Doha und Paris. Kann Basel als Kunststandort seine Bedeutung langfristig behaupten?
Diese Frage möchte ich bewusst vorsichtig beantworten, weil seriöse Prognosen im Kunstmarkt selten sind. Eines kann ich mit Sicherheit sagen: Die Art Basel wird man immer mit Basel assoziieren. Name und Ort gehören zusammen, und eine über Jahrzehnte gewachsene Verbindung lässt sich nicht verlagern.
Der Standort Schweiz ist international nicht zu übersehen. Das liegt nicht allein an der Messe, sondern an einem dichten Geflecht aus Museen, Sammlungen und einer langen Tradition im sorgfältigen Umgang mit Kunst.
Dazu gehört auch ein gewisses Prestige, das man nicht unterschätzen sollte. Die neuen Vermögen in Nahost und Asien sind real, und die Art Basel reagiert klug, indem sie selbst dorthin geht, statt abzuwarten. Das schwächt Basel nicht, im Gegenteil. Der Ursprungsort wird zum Ankerpunkt eines internationalen Netzwerks. Wie sich die Gewichte langfristig verschieben, wird man sehen, aber Basel hat eine Ausgangslage, um die es viele beneiden.
Müssen wir uns angesichts der Fortschritte in der Künstlichen Intelligenz (KI) Sorgen um die Idee von echter, authentischer Kunst machen? Oder stehen wir vor einem grundlegenden Paradigmenwechsel in unserem Verständnis davon, was Kunst sein kann?
Sorge ist das falsche Wort, Aufmerksamkeit das richtige. Die Marktrealität ist nüchterner als die Aufregung. Das Auktionshaus Christie’s hielt Anfang 2025 mit «Augmented Intelligence» die erste reine KI-Kunst-Auktion einer grossen Institution ab. Sie erzielte 728’000 Dollar und lag über den Erwartungen. Doch im Massstab eines fast 60 Milliarden Dollar schweren Marktes ist das eine Randnotiz.
Bemerkenswerter ist, wer kaufte. Fast die Hälfte der Bietenden waren Millennials oder Gen Z, ein gutes Drittel kaufte zum ersten Mal bei Christie’s.
Was folgern Sie daraus?
Ich glaube, dass eine Gegenbewegung stattfinden wird. Schon heute stellt man sich bei einem Werk die Frage, ist das KI oder nicht. Genau dort liegt die Chance. Was nicht aus der Maschine kommt, zeugt von echtem Handwerk, und das hebt den Wert, weil ein Mensch es geschaffen hat.
Bei den NFTs hat man sich vor einigen Jahren dieselbe Frage gestellt, und passiert ist wenig. Ich vermute, es wird neue Kunstrichtungen geben, aber KI wird das Kunstwerk nicht ablösen. Einen vollständigen Paradigmenwechsel sehe ich nicht, eher eine Erweiterung der Mittel.
Die eigentliche Debatte ist weniger ästhetisch als rechtlich, weil viele Modelle auf urheberrechtlich geschütztem Material ohne Lizenz trainiert wurden. Das ist die ungelöste Frage, nicht die nach dem Kunstcharakter.
Viele junge Menschen werden heute durch Unternehmertum, Technologie oder Finanzmärkte früh sehr vermögend. Beobachten Sie bei dieser NextGen-Klientel ein wachsendes Interesse an Kunst?
Eindeutig ja, das ist die wichtigste Strukturveränderung des Marktes. Im «Survey of Global Collecting 2025» von Art Basel und der Schweizer Grossbank UBS waren rund drei Viertel der befragten vermögenden Sammelnden Millennials oder Gen Z.
Diese Generation sammelt nicht weniger, sondern breiter. Gen Z legt den höchsten Anteil ihres Vermögens in Kunst und Sammelobjekte an, rund ein Viertel, mehr als jede andere Generation. Ein grosser Teil davon fliesst in angrenzende Kategorien wie Sneakers, Design oder digitale Kunst. Für sie existiert die Grenze zwischen Kunst und Lifestyle-Objekt kaum noch, das Sammeln ist Teil der eigenen Identität.
Verändert diese jüngere Käuferschicht auch den Kunstmarkt?
Sie verändert ihn an drei Stellen. Erstens bei den Kanälen. Junge Sammelnde kaufen online und über Soziale Medien, und Galerien stützen sich zunehmend auf lokale und neue Käuferschaft, die 2025 fast die Hälfte ausmachte.
Zweitens bei den Werten. Für jüngere Käuferinnen und Käufer zählt Bedeutung mindestens so viel wie Marktwert, sie suchen Bezug zu Identität, Gemeinschaft und Haltung.
Drittens bei den Themen und Medien. Digitale Kunst, Fotografie und Arbeiten auf Papier gewinnen, während die reine Statusorientierung an Gewicht verliert. Das Sammeln wird partizipativer, der durchschnittliche vermögende Sammler besuchte 2024 etwa 48 kunstbezogene Veranstaltungen.
Werden umgekehrt auch die Künstlerinnen und Künstler, die im Kunstbetrieb sichtbar werden, jünger?
Tendenziell ja, aber das ist nicht neu und nicht ohne Schattenseiten. Es ist heute viel einfacher als vor einigen Jahren, Kunst zu zeigen, weil Social Media und Instagram eine Plattform bieten, die früher in dieser Form nicht existierte. Das beschleunigt Karrieren.
Daraus ist ein eigenes Segment entstanden, das sogenannte «Ultra-Contemporary», Kunstschaffende, die ab 1975 geboren sind. Dieses Segment ist umstritten, und das aus gutem Grund. Nach den Boomjahren ist der Markt für «Ultra-Contemporary» 2025 um rund ein Drittel eingebrochen, ein klares Zeichen, dass viel davon Spekulation war.
Heikel wird es, wenn Sichtbarkeit und Reife auseinanderfallen. Schneller Markterfolg in jungen Jahren kann eine künstlerische Entwicklung ebenso befeuern wie verbrennen. Die spannendste Aufgabe für Galerien und Institutionen ist deshalb nicht das Entdecken, sondern das geduldige Begleiten.
Wie lassen sich bei jungen Künstlerinnen und Künstlern Qualität, Substanz und langfristiges Potenzial erkennen, jenseits von Hype und Marktmechanik?
Hype erkennt man an seinem Tempo, Substanz an ihrer Wiederholbarkeit. Es gibt ein paar verlässliche Anhaltspunkte. Erstens die institutionelle Verankerung, ob Museen und ernsthafte Kuratorinnen eine Position tragen und nicht nur der Auktionsmarkt.
Zweitens die Werkkonsistenz, ob sich eine eigenständige Sprache über mehrere Jahre hält oder ob nur ein erfolgreiches Motiv variiert wird. Drittens die Qualität der Galerie, die jemanden vertritt, denn gute Galeriearbeit baut Karrieren auf, statt Preise kurzfristig zu treiben.
Mein persönliches Kriterium, und das verweist auf meinen Ursprung, ist die handwerkliche Qualität. Sie kann sich auch auf ein Konzept beziehen, es muss nicht die Malerei sein.
Sondern?
Entscheidend ist für mich, ob eine Künstlerin oder ein Künstler eine eigene Handschrift hat, etwas Wiedererkennbares, ein echtes Alleinstellungsmerkmal. Gerade bei jungen Kunstschaffenden beziehe ich Ausbildung und Lehrer mit ein, weil das viel über das Fundament verrät.
Am Ende läuft es für mich auf eine Frage hinaus: Ist da ein Können? Kunst kommt von Können – oder sollte es zumindest. Wenn dieses Fundament stimmt, ergibt sich der Rest fast von selbst.
- Lesen Sie am Donnerstag, 18. Juni 2026, den zweiten Teil des Interviews mit Simone Töllner.
