Zu den Begleiterscheinungen des Alterns gehört auch ein veränderter Metabolismus. Dachten wir als Jugendliche bei Schokolade nur an Wohlgenuss, sind mit zunehmendem Alter die Gedanken eher bei der Gürtellinie. Was früher nichts bewirkte, scheint jetzt gleich anzusetzen, stellt der Finanzpublizist Thomas Signer in seinem Beitrag exklusiv für WealthSummit fest.

Fortgeschrittene Alterung in Japan (Bild: Ryoji Hiwata, Unsplash)
Die Metabolismus-Metapher scheint auch für den Finanzmarkt angebracht, wenn auch mit umgekehrten Vorzeichen. Litten entwickelte Länder in den 1960er- und 1970er-Jahren, als das Durchschnittsalter ihrer Bevölkerungen noch bei rund 30 Jahren lag, bei Ölpreisschocks und staatlicher Defizitwirtschaft schnell unter hoher Inflation und Währungszerfall, so scheint es, dass die Alterung der Gesellschaften seither massgeblich dazu beitrug, diese fast immun gegen Inflation zu machen.
Selbst riesige staatliche Defizite, wie nach der grossen Finanzkrise von 2008 konstatiert, zeigten kaum Wirkung auf die «Inflations-Gürtellinie». Noch höhere Defizite im Zuge der Covid-Pandemie und deren direkte Finanzierung über die Notenbankpressen liessen zwar die Teuerung deutlich ansteigen…, aber nur kurzzeitig. Inzwischen sind die Inflationsraten in OECD-Ländern wieder auf tiefem einstelligem Niveau trotz anhaltend hoher staatlicher Defizite.
Drohende Solvenzkrise
Indessen schreitet die Alterung der Bevölkerungen rapide voran. Das Durchschnittsalter in westlichen Nationen liegt generell über 40 Jahren, Tendenz weiter steigend. Der Haupttreiber, rekordtiefe Geburtenraten, ist selbst in den USA zum Politikum geworden. Könnte es sein, dass der «Finanz-Metabolismus» eine neue Phase einläutet? Und staatliche Defizitwirtschaft doch Konsequenzen zeitigt? Vieles spricht dafür.
Japan, das Land, das gemeinhin als «Canary in der Coal Mine» gilt in Bezug auf die Auswirkung der Alterung auf Wirtschaft und Finanzmarkt, erlebt in Politik und Wirtschaft grosse Verwerfungen. Inflation und Zinsen langfristiger staatlicher Obligationen sind seit geraumer Zeit markant gestiegen. Nur die Börse und ausgewählte Immobilien in Ballungszentren lieferten bis anhin einen Schutz vor Inflation und Währungszerfall.
Anleger scheinen die Nachhaltigkeit der japanischen Staatsfinanzen zu hinterfragen. Aus gutem Grund. Wer soll dereinst die enorme Schuldenlast bedienen in einer Gesellschaft, die seit 2008 schrumpft und deren Anzahl an Geburten inzwischen nur noch die Hälfte der Todesfälle beträgt? Würde sich der Trend zu höheren Zinsen fortsetzen, stünde Japan womöglich vor einer Solvenzkrise, die das internationale Finanzsystem erschüttern könnte.
Kontroverse Fallstudie
Eine weitere, zugegebenermassen kontroversere Fallstudie findet sich im Zusammenbruch der Sowjetunion. Es hält sich fest die Meinung, dass es das kostspielige Rüstungswettrennen mit US-Präsident Ronald Reagan in Amerika war, das die Sowjetunion 1991 in den Ruin trieb. Selten wird der Faktor Demographie erwähnt.
Tatsächlich eilte die Alterung der Bevölkerung der UdSSR derjenigen im Westen um über zwei Jahrzehnte voraus. Die Sowjetunion erlebte keinen Baby-Boom in den 1950er- und 1960er-Jahren wie im Westen. Die Fertilität verharrte auf tiefem Niveau. Misswirtschaft zerrte an der Substanz. Schliesslich verschlang die Tschernobyl-Katastrophe enorme Ressourcen ab April 1986. Präsident Michail Gorbatschow machte sie später als wichtigen Faktor für den Zusammenbruch der UdSSR aus. Knapp sechs Jahre nach der Kern- folgte die Unionschmelze.
Natürlich mag man einwenden, dass sich Vergleiche mit der UdSSR verbieten, weil die Sowjet-Wirtschaft nicht auf Marktmechanismen, sondern auf zentraler Planung beruhte. Allerdings hebelte das westliche Wirtschaftssystem auch gerne den Markt aus, wenn dieser ein unerfreuliches Diktum lieferte: Jede Finanzkrise seit den 1980er-Jahren wurde zunehmend mit staatlichen Interventionen, besonders auch von Notenbanken, begegnet.
Parallele zu Tschernobyl
Dies verhinderte Konkurse und somit Abschreiber und befeuerte die Erholung an den Aktien- und Immobilienmärkten. Die Interventionen lehrten Investoren «to always buy the dip». Rekordhohe Vermögensstände, sowohl absolut wie relativ im Vergleich zu Wirtschaftsleistung, müssen mitunter als Folge der marktverzerrenden Interventionen gesehen werden.
Auch eine Parallele zu Tschernobyl drängt sich auf. Die Covid-Krise, welche vor knapp sechs Jahren ihren Lauf nahm, erwies sich wie kein anderes Ereignis seit dem Zweiten Weltkrieg als extrem kostspielig.
Natürlich sind diese Vergleiche mit Vorsicht zu geniessen und stellen keine Anlageempfehlung dar. Eines ist aber sicher: Alternde Gesellschaften, die sich enorm gestiegener Vermögenswerte erfreuen, steuern auf einen kritischen Punkt zu. Hohe «reale» Abschreiber scheinen unausweichlich.
In Anlehnung an den biblischen Hiob wird wohl dereinst die folgende Einsicht wachsen: Die Demographie hat sie (tiefe Inflation, steigende Vermögenswerte) gegeben, die Demographie wird sie nehmen. Gepriesen sei die Demographie!
Thomas Signer schloss sein Studium der Betriebswirtschaft mit dem MBA an der Carnegie Mellon University in den USA 1990 ab. Seine Arbeit für eine japanische und später eine US-Investmentbank führte ihn nach Zürich, London und New York. Seit gut zwei Jahrzehnten ist er selbständiger Finanzgutachter und Lehrbeauftragter in der Schweiz. Seit langem beschäftigt er sich mit den Auswirkungen des demographischen Wandels auf die Finanzmärkte. Seine zwei Bücher handeln von den zeitversetzten Parallelen zwischen Wirtschafts- und Finanzmarktentwicklungen in Japan und den USA und weisen auf die Demografie als zentrale Erklärungskomponente hin.
