Für unabhängige Vermögensverwalter in der Schweiz beginnt nun die entscheidende Phase: Ihnen bleiben noch höchstens fünf Jahre Zeit, um sich den tiefgreifenden Veränderungen in der Finanzbranche anzupassen und auf die neuen Erwartungen der Kundschaft zu reagieren. Die weitere Konsolidierung wird unerbittlich verlaufen – und am Ende jene Akteure hervorbringen, deren Geschäftsmodell mehr denn je gefragt sein wird. Dies ist der erste Beitrag einer dreiteiligen Serie von WealthSummit über die Herausforderungen, denen sich die unabhängigen Vermögensverwalter in der Schweiz in den nächsten Jahren stellen müssen.

Gilles Stuck, Unternehmer im Bereich der unabhängigen Vermögensverwaltung (Bild: zvg)
Von Gilles Stuck, Unternehmer
Je nach Erhebungen sind in den vergangenen fünf Jahren zwischen einem Drittel und der Hälfte aller unabhängigen Vermögensverwalter in der Schweiz verschwunden. Nicht durch Übernahmen, nicht durch spektakuläre Zusammenbrüche. Sondern durch die stille, schleifende Arbeit der regulatorischen Bereinigung.
Mehr als 1’000 Institute teilten der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht (Finma) mit, dass sie keinen Lizenzantrag stellen würden. Weitere 130 Firmen begannen das Verfahren und zogen ihren Antrag zurück. Nahezu 700 registrierten sich auf der Finma-Plattform, nahmen aber nie Kontakt mit einer Aufsichtsorganisation auf; knapp die Hälfte davon reagierte nicht einmal auf ein Erinnerungsschreiben.
Was bleibt, sind laut FINMA 1’532 lizenzierte Vermögensverwalter und Trustees per Anfang 2025. Ein Sektor, der einen Filter durchlaufen hat, wie ihn die Schweizer Finanzbranche seit einer Generation nicht erlebt hat. Die überlebenden Institute sind robuster als jene, die aufgegeben haben. Den Filter zu überstehen und danach zu gedeihen, ist allerdings zweierlei.
Typisch kleine Unternehmen
Das Gewicht dessen, was geblieben ist, wird selbst in der Branche chronisch unterschätzt. Unabhängige Vermögensverwalter in der Schweiz betreuen zwischen 400 Milliarden Franken, wie eine der grössten Schweizer Depotbanken unlängst schätzte, und 700 Milliarden Franken laut anderen Erhebungen. Dass diese Schätzungen so weit auseinandergehen, ist aufschlussreich: Es verweist auf einen Sektor, der bis zur Einführung der neuen Regulierungen keine Pflicht hatte, sich mit Präzision allzu sehr zu beschäftigen.
Am unteren Ende entspricht dies rund einem Fünftel aller privaten Kundenvermögen in Schweizer Banken. Eingebettet in eine Schweizer Asset-Management-Branche, die 2024 mit 3,45 Billionen Franken einen Höchststand erreichte und als drittgrösster Standort Europas gilt, ist die unabhängige Vermögensverwaltung ein tragendes Element ebendieses Finanzplatzes.
Das typische Unternehmen in dieser Branche ist allerdings klein. Finma-Daten zeigen, dass der durchschnittliche, lizenzierte Vermögensverwalter drei Personen beschäftigt und rund 180 Millionen Franken an Kundenvermögen betreut. Der Median liegt bei lediglich 61 Millionen Franken. Der Branchenverband beziffert die durchschnittliche Firmengrösse auf etwa fünf Mitarbeitende. Es sind KMUs, keine Institutionen – viele von ihnen hervorragend geführt, aber KMUs gleichwohl.
Echte Unabhängigkeit
Die Mehrheit der lizenzierten Vermögensverwalter bewegt sich in einer Grössenordnung, die institutionelle Skaleneffekte strukturell ausschliesst. Akademische Studien zur Schweizer Privatbanken-Branche zeigen, dass kleinere Privatbanken, die in vielen operativen Merkmalen den grösseren externen Vermögensverwaltern ähneln, mit durchschnittlichen Aufwand-Ertrags-Verhältnissen (Cost-/Income-Ratio, CIR) von mehr als 90 Prozent arbeiten. Kaum profitabel.
Dies ist ein Paradox, das den Sektor der unabhängigen Vermögensverwaltung definiert: Was unabhängige Vermögensverwalter auf der Ebene der Kundenbeziehung bieten, nämlich echte Unabhängigkeit, keine Produktkonflikte, offene Architektur und grosses persönliches Vertrauen, schätzen Mandanten aufrichtig, und grössere Institute können dies nur schwer nachbilden.
Doch das Geschäftsmodell unter diesen Prämissen ist strukturell fragil. Jeder Fixkosten-Punkt, die Aufsichtsanbindung, die Compliance-Funktion, die Technologie-Plattform, all das lastet unverhältnismässig auf einem Unternehmen, das nur 61 Millionen Franken verwaltet.
Oder anders gesagt: Die persönliche, unternehmerische Bindung zwischen Berater und Mandant bleibt das Beste, was die unabhängige Schweizer Vermögensverwaltung zu bieten hat. Sie ruht allerdings auf einem Geschäftsmodell, das für eine andere Zeit gebaut wurde: weniger Regulierung, einfachere Kundenbedürfnisse, und Technologiekosten, die einen Bruchteil des heutigen Niveaus ausmachten.
Regulatorische Zäsur
Die regulatorische Zäsur der vergangenen fünf Jahre hat diese Spannung noch verstärkt. In mehr als 40 Prozent der Lizenzierungsfälle verlangte die Finma mindestens fünf Überarbeitungsrunden, bevor sie eine Bewilligung erteilte. Das längste einzelne Verfahren dauerte 550 Tage, wie in verschiedenen Medien zu lesen war.
Die nicht direkt zurechenbaren Aufsichtskosten der Finma für den Sektor stiegen von 1,86 Millionen Franken im Jahr 2022 auf 9,25 Millionen Franken im Jahr 2024, eine nahezu fünffache Zunahme in nur zwei Jahren, was mehr als 50 Vollzeitstellen an Aufsichtsressourcen entspricht. Die Zahl löste im Juni 2025 eine parlamentarische Interpellation aus. Der Branchenverband wehrte sich öffentlich gegen weitere Gebührenerhöhungen.
Das Mandat der Finma ist durchaus zu respektieren, und der Lizenzierungsprozess hat die Branche zweifellos gestärkt. Aber es ist auch so, dass die Frage der Verhältnismässigkeit eine offenere und differenziertere Diskussion verdient, als sie bisher geführt wurde. Wenn das mediane Institut 61 Millionen Franken an Kundengeldern verwaltet, ist eine nahezu Verfünffachung der Aufsichtskosten kein Verwaltungsposten, sondern mutiert zu einer existenziellen Frage.
Epochaler Generationenwechsel
Parallel dazu entwickeln sich die Erwartungen der Kunden rasant. In der Regel sind es sehr vermögende Privatpersonen mit komplexen Beratungsbedürfnissen, ähnlich einem Family Office: Nachlassplanung, Immobilienbetreuung, philanthropische Strukturen, steuereffiziente Nachfolgelösungen; nicht bloss eine vierteljährliche Portfoliobesprechung und ein Jahresgespräch.
Hinzu kommt der epochale Generationenwechsel (Wealth-Transfer): Zahlreiche Untersuchungen legen nahe, dass bis zu 70 Prozent der Erben der «Baby-Boomer-Generation» (geboren zwischen 1946 und 1964) ihren Vermögensverwalter wechseln werden. Daraus lässt sich unschwer ableiten: Die «Fünfpersonen-Praxis», die ihre Kunden 2010 noch hervorragend betreut hat, kann die heutigen Leistungserwartungen kaum mehr bieten. Nicht aus mangelndem Willen, sondern weil die notwendige Infrastruktur die Möglichkeiten einer Kleinstfirma schlicht übersteigt.
Technologisch unterinvestiert
Das alles heisst nicht, dass das Modell der unabhängigen Vermögensverwaltung gescheitert wäre. Deren Kernangebot, unternehmerisch, mandantenorientiert, unbelastet von der institutionellen Politik und den Produktvorgaben, die so viele gute Banker frustrieren, hat nach wie vor seine Existenzberechtigung. Mehr noch: Die Nachfrage nach wirklich unabhängiger Beratung wächst eher, als dass sie abnimmt. Die Frage ist nicht, ob der Markt diese Dienstleistung braucht, sondern ob die heutigen Strukturen sie in der erforderlichen Qualität langfristig liefern können.
Auf Grundlage dessen, was ich in mehr als zwei Jahrzehnten in dieser Branche beobachtet habe, bin ich überzeugt, dass sich die Anpassung beschleunigen wird. Technologie ist der Bereich, in dem unabhängige Vermögensverwalter am stärksten unterinvestiert sind. Gleichzeitig ist es jener Bereich, auf den es in den kommenden Jahren am meisten ankommen wird.
Höchstens noch fünf Jahre Zeit
Ein Vermögensverwalter, der anspruchsvolle Mandanten glaubwürdig betreuen will, wird auf einer institutionellen Technologie-Plattform operieren müssen, die Compliance, Reporting und Depotbankanbindung übernimmt und dem Kundenberater die Zeit zurückgibt, die tatsächlich zählt: die Zeit mit dem Mandanten. Das bedeutet nicht, die Depotbankbeziehung zu ersetzen. Es bedeutet, sie für beide Seiten produktiver zu gestalten.
Unabhängige Vermögensverwalter, die diesen Wandel annehmen, und die das erforderliche Kapital für echte Plattformfähigkeit aufbringen sowie die persönlichen Beziehungen bewahren, werden jene Firmen sein, die bestehen und noch wachsen können. Die Branche hat maximal noch fünf Jahre Zeit, um diese Fragen zu beantworten. Danach werden die Entscheidungen weitgehend von anderen getroffen worden sein.
Gilles Stuck ist Unternehmer im Bereich der unabhängigen Vermögensverwaltung. Zuvor war er Leiter Schweiz bei der Bank Julius Bär. Er verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Schweizer Bankbranche.
Dies ist der erste Beitrag einer dreiteiligen Serie über die Herausforderungen, denen sich die unabhängigen Vermögensverwalter in der Schweiz in den nächsten Jahren zu stellen haben.
