Kunst gilt heute als hochattraktive Investitionsmöglichkeit jenseits der Börsenturbulenzen. Ganz risikolos sind derlei Engagements allerdings nicht. Wie man den Einstieg in diese Welt findet, beschreibt die Kunstexpertin Simone Töllner im zweiten Teil des Interviews mit WealthSummit.

Kunsthistorikerin und -beraterin Simone Töllner (Bild: Christian Vogt)
Frau Töllner, wie findet man den Einstieg in die Kunstwelt, wenn man sich ernsthaft dafür interessiert – sei es aus Leidenschaft, aus Sammelinteresse oder mit Blick auf eine finanzielle Anlage?
Es ist zunächst eine Frage des Budgets, das gehört zur Ehrlichkeit. Das Wichtigste ist aber, dass man sich auf die Kunstwelt einlässt. Sie ist speziell, aber bereichernd.
Gerade junge Kunst kann spannend sein, und sie sollte nicht als Anlage gesehen werden. In der Finanzsprache wäre dies reines Risiko. Man kann heute gut Kunst kaufen, auch in den unteren und mittleren Preissegmenten, die spürbar wachsen.
Wie geht man konkret dabei vor?
Mein Rat ist, sich inspirieren zu lassen und sich Zeit zu nehmen. Man sollte zuerst die eigenen Interessen kennenlernen. Welche Art von Kunst spricht mich an, welches Budget habe ich, und möchte ich mit Kunst in meinen Räumen leben?
Wer sich diese Fragen ehrlich beantwortet, findet einen natürlicheren Zugang als jemand, der zuerst an den Wiederverkauf denkt. Schauen, viel und über längere Zeit, in Museen, Galerien und bei Atelierbesuchen. Das schult das Auge und baut ein Netzwerk auf. Und dann darf man sich darauf einlassen.
Worauf sollte man als Neueinsteigerin oder Neueinsteiger besonders achten, um nicht nur kurzfristigen Trends hinterherzulaufen?
Man muss viel schauen und auf das Bauchgefühl hören. Wichtig ist mir dabei eine Klarstellung: Ein Trend ist nicht per se etwas Schlechtes. Ich nenne ein Beispiel.
Ich ärgere mich noch heute, dass ich einst eine originale Papierarbeit, eine Collage, von Mithu Sen, einer indischen Künstlerin, nicht gekauft habe. Das Kunstwerk kostete 2’500 Franken. Leider lag das etwas über meinem Budgetrahmen. Gleichwohl war ich begeistert, und die Arbeit hat mich lange beschäftigt. Kurz darauf wurde die Künstlerin schnell bekannt, und ich hatte diese Chance verpasst.
Daraus habe ich gelernt, dass echte Begeisterung und ein aufkommender Trend sich nicht ausschliessen. Entscheidend ist die Reihenfolge.
Nämlich?
Wer zuerst auf das eigene Gefühl hört und ein Werk wirklich liebt, kauft aus Überzeugung, auch wenn andere es später entdecken. Wer nur kauft, weil gerade alle kaufen, läuft dem Trend hinterher.
Die ehrlichste Prüffrage ist, ob man ein Werk auch dann behalten würde, wenn sein Marktwert fiele. Diese Frage trennt Überzeugung von Spekulation zuverlässig.
Wie haben Sie persönlich den Zugang zur Kunst gefunden?
Ich bin in einer Künstlerfamilie aufgewachsen. Mein Grossvater war Maler der Alten Münchner Schule, der figurativen Landschaftsmalerei, die im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts sehr gefragt war.
Meine frühesten Erinnerungen sind die aufgespannte Leinwand im Atelier und der Geruch von Terpentin. Diesen Geruch des Malmittels vergisst man nicht. Von meinem Grossvater habe ich nicht nur das Sehen gelernt, sondern das Handwerk: Farblehre, Mischlehre und ein Gespür dafür, was Qualität in der Malerei bedeutet. Das war keine Theorie, sondern tägliche Praxis am Bild.
Später habe ich auf die Galerieseite gewechselt. Dieser Perspektivwechsel hat mich geprägt. Ich kenne beide Welten von innen. Die Sicht der Kunstschaffenden, die ein Werk aus sich heraus entwickeln, und die Sicht der Galerien, die diese Kunst vertreten und in den Markt tragen.
Diese Doppelerfahrung macht mich nüchterner, als es manche romantische Vorstellung von Kunst zulässt. Denn auch Kunstschaffende müssen und wollen leben, und Galerien ebenso.
Kunst entsteht aus Leidenschaft, aber sie existiert in einer wirtschaftlichen Realität. Wer beide Seiten kennt, spielt sie nicht gegeneinander aus.
Welches Kunstwerk ist Ihnen persönlich besonders wertvoll, unabhängig von seinem Marktwert?
Das ist eine anspruchsvolle Frage, denn Kunstwerke sind in der Regel Unikate, Einzelstücke, nicht kopierbar. Das macht sie so wertvoll, weit über jeden Preis hinaus. Mir sind zwei Werke besonders nah.
Das eine ist eine kleine Landschaftsminiatur, die ich gemeinsam mit meinem Grossvater unter seiner Anleitung gemalt habe. Sie hat keinen Marktwert, aber für mich ist sie unbezahlbar, weil in ihr alles steckt, was er mir beigebracht hat.
Das andere ist eine grossformatige Malerei der iranischen Künstlerin Samira Hodaei mit dem Titel «Tanz auf Messers Schneide», gearbeitet in ihrer eigenen Technik aus Glasfarbe, die sie Punkt für Punkt aus der Tube aufträgt. Schon dadurch ist das Bild im Wortsinn unwiederholbar.
Es hängt bei mir zu Hause und ist in Familienbesitz. Das Hauptmotiv ist das Ganzkörperporträt einer Frau mit Schleier, die einen Säbel über dem Kopf hält und den Betrachter direkt anblickt. Der Hintergrund des Werks ist politisch, aber für mich steht es für etwas Grösseres. Für Schönheit, Kampf und Sieg zugleich.
Es erinnert mich jeden Tag daran, wie stark wir sein können und welche Kraft Kunst hat.
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Simone Töllner ist Kunst- und Kulturmanagerin, Kommunikationsspezialistin und Gründerin von ST ART | Concepts & Consulting. Sie entwickelt Konzepte an der Schnittstelle von Kunst, Kultur, Kommunikation und strategischer Positionierung. Sie ist Mitgründerin von finews.art, einer zweisprachigen Plattform, die Kunst und Finanzen verbindet. Mit fast 15 Jahren Erfahrung in Kommunikation, Marketing, Eventmanagement und Kunstvermittlung hat sie über 90 Ausstellungen sowie zahlreiche Kultur- und Corporate-Events realisiert. Zuvor war sie als Head of Marketing bei der «swisspartners Group» und als Associate Manager bei Häusler Contemporary Zürich tätig.
