Nach beruflichen Stationen in der Filmbranche, im Mobile Gaming sowie in der HealthTech-Branche rund um die Welt lebt Priyanka Sharma Wahl seit mehr als zehn Jahren in Zürich. Hier hat sie kürzlich eine Plattform mitbegründet, die zeitgenössische indische Kunst in einen internationalen Kontext stellt. Sie vernetzt Künstler, Kuratoren und Kulturschaffende und macht sichtbar, wie zeitgenössische Ausdrucksformen globale Perspektiven erweitern können.

Botschafterin zeitgenössischer indischer Kunst (Bild: Amanda Nikolic)
Priyanka Sharma Wahl, Sie leben seit mehr als zehn Jahren in der Schweiz. Ende 2025 haben Sie das Swiss Indian Arts Collaborative (SIAC) mitbegründet. Was hat Sie dazu veranlasst?
Der Auslöser war sehr persönlich. Meine Freundin und spätere Mitgründerin Neeta Premchand machte mich mit dem Museum Rietberg in Zürich vertraut, wo im vergangenen Jahr die Ausstellung «Ragamala» stattfand, kuratiert von Sonika Soni, die den Impuls gab, dass wir schliesslich die Swiss Indian Arts Collaborative (SIAC) ins Leben riefen.
«Ragamala» zeigte die Möglichkeit auf, Indien nicht nur durch Kulturerbe und Tradition zu präsentieren, sondern als dynamische, zeitgenössische kulturelle Kraft. Diese Erfahrung brachte uns vier – Neeta Premchand, Sonika Soni sowie Alpana Burgauer und mich – zusammen. Gemeinsam gründeten wir SIAC als Plattform, um Brücken zwischen zeitgenössischen indischen Kulturschaffenden und dem Schweizer Publikum sowie Schweizer Institutionen zu schlagen.
Was stimmt Sie zuversichtlich, dass SIAC ein Erfolg wird?
Die Beziehungen zwischen Indien und der Schweiz vertiefen sich laufend – nicht zuletzt auch durch das Handels- und Wirtschaftsabkommen zwischen Indien und den EFTA-Staaten Schweiz, Norwegen, Island und Liechtenstein. Vor diesem Hintergrund sind wir überzeugt, dass das gegenseitige Verständnis spürbar zunehmen wird.
Hinzu kommt, dass Zürich in diesem Kontext besonders wichtig ist, da die Stadt bereits über ein beachtliches Fundament an indischer Kunst verfügt, insbesondere durch das Museum Rietberg und die Expertise von Persönlichkeiten wie Dr. Annette Bhagwati und Dr. Johannes Beltz.
Warum ist zeitgenössische indische Kunst in Europa und damit auch in der Schweiz noch immer unterrepräsentiert?
Zeitgenössische südasiatische Kunst ist in Europa präsent, wenn auch oft nur in spezialisierten Kreisen. Indische und südasiatische Künstler haben bislang zwar noch nicht denselben Grad an Sichtbarkeit im Mainstream erreicht wie in ihren Herkunftsländern oder in den USA, doch ein spürbarer Wandel ist im Gange.
Dank verstärkter Bemühungen der indischen Regierung und einer erhöhten Präsenz indischer Galerien bei grossen internationalen Kunstereignissen – etwa mit der Rückkehr des India Pavilion an der Biennale von Venedig 2026 – verändert sich die Aussenwirkung.
Was muss Ihrer Meinung nach noch geschehen, damit zeitgenössische indische Kunst international breitere Anerkennung findet?
Wir brauchen einen grundlegenden Wandel hin zu mehr Sichtbarkeit, Sensibilität und kontextuellem Verständnis. Zeitgenössische indische Kunst ist zwar in sehr spezifischen Kontexten verwurzelt, spricht aber zutiefst universelle Erfahrungen an. Die heutige Künstlergeneration tut weit mehr, als nur das reiche kulturelle Erbe Südasiens zu repräsentieren.
Nämlich?
Sie setzt sich mit den Komplexitäten des gegenwärtigen Indiens auseinander – mit Fragen von Identität, Migration, Erinnerung, Ungleichheit, dem Schmerz der Entwurzelung und den anhaltenden Auswirkungen von Strukturen wie dem Kastensystem. Gleichzeitig schöpfen viele Künstler tief aus Geschichten und Traditionen, die Jahrhunderte zurückreichen.
Die Themen, die sie behandeln, reichen weit über Indien hinaus, weil sie Fragen spiegeln, mit denen sich heute viele Gesellschaften auseinandersetzen. Was international nötig ist, wäre eine aufmerksame und nuancierte Würdigung dieser Künstler und ihrer Arbeiten – eine, die die zeitgenössische indische Kunst in einen breiteren globalen Diskurs einordnet.
Beim Zurich Art Weekend werden Sie das erste Programm von SIAC präsentieren. Was kann das Publikum erwarten?
Wir haben unser erstes Programm für das Zurich Art Weekend als eine «Insider-Perspektive» auf zeitgenössische indische Kunst konzipiert. Wir suchten nach Expertinnen und Experten, die nicht nur die indische Szene gut kennen, sondern es auch verstehen, sie einem internationalen Publikum zu vermitteln. Unsere Auswahl führt unterschiedliche Bereiche des Kunst-Ökosystems zusammen – Galerien, Museen, Privatsammlungen, Festivals und Forschung. Das soll zur Diskussion anregen, wie Kunst zwischen Indien und der übrigen Welt zirkuliert.
Das Publikum darf sich auf ein Gespräch darüber freuen, wie lokale Traditionen, moderne Entwicklungen und globale Einflüsse zusammenspielen. Das Panel bringt Galeristen, Kuratoren sowie Berater zusammen, die in Venedig, Kochi, Mumbai, Goa, Neu-Delhi, Zürich und darüber hinaus aktiv sind. Thematisiert wird auch, wie sich indische Kunst international etablieren kann.
Ausserdem zeigen wir im Museum Rietberg zwei Filme, produziert von der GBF Foundation und dem Museum Rietberg: «Portrait of a Cloud» und «Musavari». Sie bieten einen intimen Einblick darin, wie sich die traditionelle Miniaturmalerei zeitgenössischer Künstler wie Manish Soni und Murad Khan Mumtaz weiterentwickelt.
Mit beiden Veranstaltungen wollen wir zu einem Dialog verhelfen, der das Kulturerbe und zeitgenössische Strömungen miteinander verbindet und die Dynamik der indischen Kunstszene von heute sichtbar macht – einschliesslich des Aufkommens jüngerer Sammler.
Sind jüngere Menschen offen für Botschaften und Stimmen, die durch Kunst vermittelt werden?
Es vollzieht sich ein unübersehbarer Wandel in der Kunstwelt. Dabei stelle ich fest, dass sich jüngere Sammler und Kunstinteressierte nicht nur für ein Objekt allein interessieren, sondern ebenso für die Botschaft und die Werte dahinter. Auch die sogenannte «Experience Economy», in der Menschen Wert auf einzigartige und damit auch höchst bedeutungsvolle Erfahrungen mit Künstlern legen, erhöht den Wert eines Kunstwerks.
Hinzu kommt, dass digitale Plattformen die Kunstwelt eindeutig demokratisieren, so dass traditionelle «Gatekeeper», also traditionelle Meinungsmacher und Entscheidungsträger, immer weniger den Diskurs bestimmen. Die authentische Stimme und die Botschaft eines Künstlers sind heute dessen wichtiges Kapital.
Letztlich verstärkt der technologische Fortschritt die Stimme von Künstlern und ermöglicht es ihnen, persönliche Botschaften an die nächste Generation von Kunstinteressierten und Sammlern zu vermitteln.
Was möchten Sie langfristig mit SIAC erreichen?
Wir hoffen, eine Plattform zu etablieren, welche die Tiefe des künstlerischen Erbes Indiens würdigt und es zugleich als lebendige, sich weiterentwickelnde Disziplin innerhalb der zeitgenössischen globalen Kultur zeigt.
Anstatt Tradition, Moderne und Gegenwart als getrennte Bereiche darzustellen, möchten wir zeigen, wie sie sich gegenseitig nähren – wie Künstler und Kulturschaffende historische Praktiken, Materialien und Ideen heute auf völlig andere Weise neu interpretieren können.
Von Zürich aus wollen wir einen Raum für bedeutungsvolle Begegnungen schaffen und dem Publikum ein nuanciertes Verständnis der zeitgenössischen indischen Künste vermitteln – sei es in der bildenden Kunst, im Film oder in der Musik –, die einerseits in jahrhundertelanger Praxis verwurzelt und andererseits mit der Gegenwart verbunden ist.
Wenn Sie dem Schweizer Publikum eine Sache über das zeitgenössische kulturelle Indien vermitteln könnten, welche wäre das?
Das zeitgenössische Indien lässt sich nicht auf nur eine einzige «Sache» reduzieren, sondern ist ein sich ständig wandelndes Gebilde. Es ist ein Ort, an dem jahrhundertealte Traditionen und neue Ideen im selben Kunstwerk, Film, Lied oder auf derselben Strasse koexistieren – nicht als Gegensätze, sondern als Mosaik.
Wenn ein Schweizer Publikum nur einen Gedanken mitnehmen sollte, dann vielleicht diesen: Indien ist weniger eine feste Identität als vielmehr eine intensiv selbstreflektierende Kultur, die ständig in Bewegung ist. Und vielleicht hat sie weit mehr mit dem Schweizer Geist von Innovation und Tradition gemeinsam, als viele erwarten würden.

Wahre Weltenbürgerin (Bild: Amanda Nikolic)
Geboren in Neu-Delhi, aufgewachsen in Saudi-Arabien und später wohnhaft im Silicon Valley sowie in Singapur und Europa, ist Priyanka Sharma Wahl eine wahre Weltbürgerin, die sich zwischen unterschiedlichen Kulturen, Wirtschaft und Kunst bewegt. Nach ihrem Studium an der New York University und der Stanford University verfolgte sie eine vielseitige Karriere, die sich vom Mobile Gaming über HealthTech bis hin zur Filmbranche erstreckte. Im Jahr 2014 schloss sie ihren MBA an der INSEAD ab, wobei sie in Frankreich und Singapur studierte, bevor sie sich in Zürich niederliess, das nun seit mehr als einem Jahrzehnt ihr Zuhause ist.
In jüngerer Zeit hat Priyanka Sharma Wahl auch viel Inspiration aus der Arbeit ihres Vaters Deepak Sharma und dessen Ehefrau Susan Lim gewonnen, welche die Schnittstelle von Wissenschaft, Technologie und Musik erforschen. Die Entwicklung ihrer Lim Trilogy, einer musikalischen Reise, welche die Beziehung zwischen Menschen und Künstlicher Intelligenz (KI) ausleuchtet, hat ihren Glauben an die einzigartige Fähigkeit der Kunst zusätzlich gestärkt, komplexe und oft einschüchternde Ideen zu vermenschlichen.
