Die frühere Bankerin und heutige Unternehmerin Maryann Selfe sieht in der Gesundheit von Frauen weit mehr als bloss ein gesellschaftliches Anliegen. Im Gespräch mit WealthSummit erklärt sie, wie die Investmentwelt dieses Thema bislang als blinden Fleck behandelt hat, obwohl sich dahinter ein Milliardenpotenzial verbirgt. Die Schweiz könnte dabei erst noch zu einem führenden Kompetenzzentrum für Healthcare-Innovationen avancieren.

Maryann Selfe (Bild: Karl Selfe)
Die in Nigeria geborene britisch-schweizerische Doppelbürgerin Maryann Selfe ist Autorin des Bestsellers «The Billion Dollar Blindspot» und darüber hinaus Gründerin der FemmeHealth Alliance sowie die treibende Kraft hinter Calabar Capital, einer Anlageplattform, die institutionellem Kapital Zugang zum sogenannten Precision-Health-Sektor verschaffen soll.
Maryann Selfe, ist das Thema «Frauengesundheit» wirklich eine eigenständige Anlagekategorie – oder versehen wir damit lediglich einem alten Notstand ein anlegerfreundliches Etikett?
Frauengesundheit ist jahrzehntelang fast nur unter moralischen oder medizinischen Gesichtspunkten diskutiert worden. Diese Debatte war zwar dringend nötig, aber sie ignorierte die wirtschaftliche Realität.
Wie meinen Sie das?
Jahrzehntelange Defizite in Forschung und Finanzierung haben einen immensen Bedarf geschaffen. In der Sprache der Kapitalmärkte bedeutet dies eine strukturelle Ineffizienz.
Das allein begründet aber noch keine eigenständige Anlagekategorie.
Richtig. Aber im Gesundheitswesen entstehen Anlagekategorien dann, wenn der wissenschaftliche Fortschritt einen Punkt erreicht, an dem er sich in wirtschaftlich tragfähige Unternehmen umsetzen lässt – gestützt auf klinische Evidenz, skalierbare Geschäftsmodelle und institutionelles Kapital. Genau das beginnt nun im Bereich der Frauengesundheit.
Frauengesundheit ist daher nicht einfach ein gesellschaftliches Anliegen, das von der Finanzbranche neu etikettiert wird. Vielmehr ist sie ein gutes Beispiel für den grundlegenden Wandel des Gesundheitswesens hin zu einer präziseren, präventiven und stärker biologisch fundierten Vorsorge.
Investoren werden dafür bezahlt, blinde Flecken aufzuspüren. Weshalb haben sie dieses Thema dermassen sträflich übersehen?
Weil Kapital nur auf der Grundlage der verfügbaren Erkenntnisse investiert werden kann – und diese Erkenntnisse waren über Jahrzehnte hinweg unvollständig.
Warum?
Die medizinische Forschung, klinische Studien und Behandlungsmöglichkeiten wurden weitgehend auf der Grundlage eines männlichen Gesundheitsmodells entwickelt. Nachdem sich dieses Modell etabliert hatte, spiegelten auch die daraus hervorgegangenen Daten, Diagnoseverfahren, Produkte und letztlich die Investitionsmöglichkeiten dieser männlichen Perspektive wider. Investoren bewerteten somit einen Markt, dessen wissenschaftliche Grundlagen absolut unvollständig waren.
Nun werden völlig neue wirtschaftliche Chancen sichtbar. Investoren sollten «historisch vernachlässigt» nicht mit «wirtschaftlich irrelevant» verwechseln. In vielen Fällen ist gerade diese Unterscheidung der Anfang einer einzigartigen Anlagechance.
Der Begriff «Frauengesundheit» klingt noch immer sehr eingeschränkt. Ist diese Bezeichnung nicht ein Problem?
Ja. Viele Menschen verbinden mit Frauengesundheit ausschliesslich Fruchtbarkeit, Schwangerschaft oder Menopause. Das sind wichtige Märkte, aber lediglich die sichtbarsten Ausprägungen eines wesentlich umfassenderen Umfelds.
Das müssen Sie genauer erklären.
Über Jahrzehnte hinweg stützte sich das Gesundheitswesen weitgehend auf Durchschnittswerte der Gesamtbevölkerung. Die Frauengesundheit kam dabei eindeutig zu kurz.
Inwiefern?
Das biologische Geschlecht beeinflusst sehr stark, wie Krankheiten entstehen, wie sich Symptome zeigen, wie Therapien wirken, und wie sich die Gesundheit im Laufe eines Lebens verändert.
Je stärker also das Gesundheitswesen diese geschlechtlichen Unterschiede berücksichtigt, desto weiter reicht die Chance über die Frauengesundheit im engeren Sinne hinaus. Sie umfasst Diagnostik, Therapeutika, Biotechnologie, Medizintechnik, künstliche Intelligenz (KI), digitale Gesundheitsangebote und vollkommen neue Versorgungsmodelle.
Deshalb betrachte ich die Frauengesundheit als einen idealen Zugang zur sogenannten Precision Health. Sie zeigt auf, dass die Zukunft des Gesundheitswesens auf biologischer Präzision statt auf Durchschnittswerten der Bevölkerung beruhen muss.
Das überzeugt intellektuell. Doch worauf beruht das wirtschaftliche Potenzial?
Investoren werden nicht nur dafür bezahlt, Probleme zu erkennen. Sie müssen Unternehmen identifizieren, die diese Probleme nachhaltig und in grossem Massstab lösen können. Es reicht daher nicht, bloss die Grösse der betroffenen Patientengruppe zu betrachten.
Entscheidend sind die Qualität der wissenschaftlichen Grundlagen, die Stärke der klinischen Evidenz, der regulatorische Zulassungs- und Erstattungsweg, die wirtschaftliche Tragfähigkeit des Geschäftsmodells und die Frage, ob die Lösung tatsächlich einen relevanten ungedeckten medizinischen Bedarf abdeckt.
Was folgern Sie daraus?
Die attraktivsten Chancen entstehen dort, wo wissenschaftliche Innovation ein bedeutendes Gesundheitsproblem so löst, dass sich sowohl die Behandlungsergebnisse verbessern als auch die Effizienz der Gesundheitssysteme erhöhen. Solche Möglichkeiten finden sich zunehmend in der Diagnostik, bei Therapeutika, in der Medizintechnik und in neuen Versorgungsmodellen.
Für Investitionen in die Frauengesundheit müssen genau dieselben strengen Kriterien gelten.
Weshalb haben Sie sich dieses Themas angenommen?
Eine persönliche Erfahrung mit dem Gesundheitssystem führte dazu, mich näher mit diesem Thema zu beschäftigen. Zunächst ging ich davon aus, lediglich einen vernachlässigten Bereich der Medizin zu untersuchen. Stattdessen entdeckte ich die ersten Konturen einer neu entstehenden Anlagekategorie.
Was gab Ihnen die Gewissheit, dass Sie richtig lagen?
Während meiner mehr als 20-jährigen Tätigkeit im Wealth Management und im institutionellen Anlagegeschäft hatte ich immer wieder beobachtet, wie sich Märkte auf ähnliche Weise entwickeln.
Nämlich?
In der Anfangsphase sind die Chancen fragmentiert, die Datenlage ist begrenzt, das Fachwissen ist fragmentiert, und die meisten Investoren halten den Sektor für noch nicht ausgereift. Danach verbessert sich die Wissenschaft, Produkte gelangen auf den Markt, spezialisierte Manager treten auf, und das Kapital beginnt, sich rund um die neue Chance zu organisieren.
Dieses Muster erkannte ich auch bei der Frauengesundheit. Was als persönliche Auseinandersetzung begann, wurde zu einer Anlagefrage. Als ich das Thema nicht mehr allein aus der Perspektive der Gesundheitsversorgung, sondern durch die Linse der Kapitalbildung betrachtete, wurde mir klar, dass es sich nicht bloss um einen vernachlässigten Teil der Medizin handelt.
Es ist vielmehr eine der frühesten Ausprägungen eines sehr viel umfassenderen Wandels im Gesundheitswesen und damit auch in der Investorenwelt.
Viele Anleger werden sagen: interessant, aber noch zu früh, zu riskant und zu schwer zugänglich.
Neue Anlagekategorien sind in der Tat schwierig. Das bedeutet jedoch nicht, dass man sie ignorieren sollte. Es bedeutet vielmehr, dass Investoren einen disziplinierten Ansatz benötigen, um sie zu beurteilen und Zugang zu ihnen zu erhalten.
Was sagt uns das?
Der Markt ist weiterhin fragmentiert, und viele der leistungsfähigsten spezialisierten Manager bleiben unter dem Radar grösserer Institutionen. Die Herausforderung besteht nicht allein darin, diese Manager zu finden. Investoren müssen auch genügend Überzeugung entwickeln, um ihnen Kapital anzuvertrauen und gleichzeitig die Risiken angemessen zu steuern.
Wie soll das geschehen?
Erforderlich sind eine rigorose Managerselektion, Diversifikation, klare Governance-Strukturen und eine laufende Überwachung.
Das Ziel besteht nicht darin, Risiken vollständig zu beseitigen – das ist in keinem aufstrebenden Markt möglich. Vielmehr muss ein institutioneller Rahmen geschaffen werden, der Investoren eine intelligente Beteiligung ermöglicht.
Ist dies das Ziel von Calabar Capital?
Ja. Calabar Capital wird aufgebaut, um institutionellen Ansprüchen genügenden Zugang zu Anlagechancen in der Frauengesundheit und im breiteren Precision-Health-Sektor zu bieten.
Es geht darum, spezialisierte Healthcare-Manager mit fundiertem Fachwissen zu identifizieren und sie innerhalb einer disziplinierten Anlageplattform zusammenzuführen.
Statt von einem Family Office oder einer institutionellen Anlegerin zu verlangen, sich allein in einer zunehmend fragmentierten Landschaft zurechtzufinden, soll die Plattform von Calabar Capital einen diversifizierten und klar kontrollierten Zugang zu dieser Anlagekategorie bieten.
Weshalb setzen Sie auf spezialisierte Manager, anstatt direkt zu investieren?
Weil Fachwissen im Gesundheitssektor besonders wertvoll ist, und institutionelles Investieren gleichzeitig aber Diversifikation voraussetzt. Direkte Anlagen im Gesundheitswesen erfordern ein tiefes Verständnis der Wissenschaft, der Regulierung, der Kostenerstattung, der klinischen Anwendung und der Kapitalbildung. Spezialisierte Manager investieren Jahre in den Aufbau von Fachwissen, Netzwerken und Urteilsvermögen in bestimmten Bereichen des Gesundheitswesens. Für generalistisch ausgerichtete Investoren ist dies nur schwer nachzubilden.
Precision Health ist jedoch kein isolierter Markt. Es handelt sich vielmehr um ein Ökosystem, das verschiedene klinische Disziplinen, Technologien, Entwicklungsphasen und geografische Regionen umfasst. Kein spezialisierter Manager versucht, diese gesamte Landschaft abzudecken – und das sollte auch nicht sein Anspruch sein.
Sondern?
Der überzeugendste institutionelle Ansatz liegt darin, mehrere spezialisierte Perspektiven in einem einzigen Portfolio zu vereinen. Auf diese Weise können Investoren von fundiertem Fachwissen profitieren und gleichzeitig ein breiteres Engagement im gesamten Precision-Health-Ökosystem aufbauen.
Dadurch lässt sich auch die Abhängigkeit von einem einzelnen Anlagestil, einer bestimmten geografischen Region oder einem spezifischen klinischen Schwerpunkt reduzieren.
Sie behaupten, dass Europa eine führende Rolle in dieser Thematik übernehmen könnte. Warum?
Europa verfügt über die erforderlichen wissenschaftlichen Voraussetzungen. Die entscheidende Frage ist, ob es auch das Kapital organisieren kann. Europa besitzt hervorragende Universitäten, Forschungsinstitutionen und Life-Sciences-Unternehmen.
Aber wissenschaftliche Führungsstärke führt nicht automatisch zu Investitionen.
Richtig. Europa hat oft wertvolles geistiges Eigentum geschaffen und anschliessend zugesehen, wie die Unternehmen oder der wirtschaftliche Mehrwert in andere Regionen abgewandert sind. Darum müssen sich nun Wissenschaft, Unternehmertum und langfristiges Kapital miteinander verbinden.
Und die Schweiz?
Sie verfügt über eine aussergewöhnlich starke Kombination aus Life Sciences, privatem Vermögen, institutionellem Kapital, exzellenter Forschung und globaler Vernetzung.
Diese Elemente sind leider noch nicht so miteinander verbunden, wie sie es sein könnten. Im Idealfall könnte die Schweiz zu einem globalen Zentrum für Precision-Health-Investitionen werden – vorausgesetzt, dass es ihr gelingt, stärkere Synergien zwischen wissenschaftlicher Innovation, spezialisiertem Anlagewissen und langfristigem Kapital zu schaffen.
Konkret geht es darum, Unternehmen während ihrer Wachstumsphase mit Kapital zu versorgen, geistiges Eigentum im Land zu halten und einen investierbaren Healthcare-Cluster aufzubauen. Für ein Land, das sowohl im Wealth Management als auch in den Life Sciences weltweit führend ist, erscheint die Verbindung dieser beiden Stärken ein natürlicher nächster Entwicklungsschritt zu sein.

Maryann Selfe (Bild: billiondollarblindspot.com)
Seit mehr als zwei Jahrzehnten arbeitet Maryann Selfe in der Finanzbranche. Bei der Credit Suisse und später bei der UBS beriet sie sehr vermögende Familien, sie strukturierte Portfolios und begleitete Investoren durch Marktphasen der Unsicherheit. In dieser Funktion betreute sie Vermögen von mehr als fünf Milliarden Dollar sowie Beratungsmandate im Umfang von 700 Millionen Dollar.
Im Laufe der Zeit stellte Selfe fest, dass grosse Bereiche der Gesundheitsversorgung, welche die Hälfte der Bevölkerung betreffen, für Investoren weitgehend unerschliessbar blieben, weil das System nicht darauf ausgelegt war. Als Reaktion darauf begann Selfe, darüber zu schreiben und verschiedene Entscheidungsträger zusammenzubringen. Im Frühjahr 2026 veröffentlichte sie ihr viel beachtetes Buch «The Billion Dollar Blind Spot» und gründete Calabar Capital.
